Als GRÜNE Bezirkstagsfraktion Mittelfranken durften wir am 29. April 2025 die bemerkenswerte Organisation Access – Inklusion im Arbeitsleben in Nürnberg besuchen. Was uns dort begegnete, waren nicht nur beeindruckende Zahlen und Erfolge, sondern vor allem Menschen, deren Lebensgeschichten zeigen, wie echte Inklusion gelingen kann – wenn man sie mit der richtigen Haltung und dem nötigen Engagement angeht.
Lisa Renz-Hübner, Fraktionsvorsitzende:
„Menschen mit Unterstützungsbedarf auf dem Weg zu begleiten, der für jede einzelne Person der beste ist: das ist unser Ziel. Dabei ist die Arbeit von Access ein wichtiger Baustein im Bezirk Mittelfranken.“
Ein Vierteljahrhundert wegweisender Pionierarbeit
Seit nunmehr 27 Jahren ebnet Access Menschen mit Behinderungen den Weg in den ersten Arbeitsmarkt. Was uns besonders beeindruckte: Hier wird Inklusion nicht als Pflichtübung verstanden, sondern als grundlegende Haltungsfrage gelebt. Lange bevor Inklusion zum gesellschaftlichen Diskurs wurde, erkannte das Team von Access die Bedeutung echter Teilhabe und schuf Strukturen, die Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf nicht nur begleiten, sondern ihre individuellen Potenziale fördern.
Die Geschichte von Access liest sich wie eine Chronik gesellschaftlichen Fortschritts: Bereits 1998 begannen sie, Jugendliche beim Übergang von der Förderschule ins Berufsleben zu unterstützen. Schon 2001 – zu einer Zeit, als das Thema noch kaum öffentliche Aufmerksamkeit fand – initiierten sie ein Modellprojekt für Wechsel aus den Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Seit 2005 gehört auch die Integration langzeitarbeitsloser Menschen zu ihrer Mission. Diese Zahlen beeindrucken: Heute begleitet Access etwa 350 Klient*innen und konnte bereits über 1.150 Menschen erfolgreich in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen vermitteln.
Wenn aus Zahlen Lebensgeschichten werden
Besonders berührt hat uns die Geschichte von Sebastian Wirth, die kürzlich in einer mehrteiligen Serie der Süddeutschen Zeitung porträtiert wurde. Vor über zwölf Jahren half ihm Access beim Wechsel aus der Werkstatt in ein reguläres Arbeitsverhältnis. Heute lebt Sebastian ein selbstbestimmtes Leben, ist unabhängig von staatlichen Transferleistungen und zahlt sogar in die Sozialsysteme ein – eine Entwicklung, die auch wirtschaftlich bemerkenswert ist: Dem Bezirk Mittelfranken erspart seine erfolgreiche Integration über 170.000 Euro an Werkstattleistungen.
„Jeder bringt seinen eigenen Rucksack mit“
Diese Metapher prägt die Arbeitsphilosophie von Access: Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit, seine individuellen Stärken und Herausforderungen. Statt standardisierter Programme entwickelt Access maßgeschneiderte Lösungen, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen orientieren.
Der Erfolg gibt diesem Ansatz recht: Während bayernweit weniger als die Hälfte der begleiteten Jugendlichen den Sprung in den Arbeitsmarkt schafft, liegt die Vermittlungsquote bei Access bei beeindruckenden 75 Prozent. Aktuell begleitet die Organisation 57 junge Menschen auf ihrem Weg von der Förderschule in den Beruf – mit dem erklärten Ziel, ihnen ein selbstbestimmtes Leben außerhalb der Werkstätten zu ermöglichen.
Inklusion, die Grenzen überwindet
Was Access von anderen Organisationen unterscheidet, ist der Mut, Inklusion immer wieder neu zu denken. So engagiert sich das Team seit 2023 auch in der inklusiven Hochschulbildung, wo Menschen mit Behinderungen selbst zu Lehrenden werden und ihre Perspektiven in die Ausbildung künftiger Fachkräfte einbringen. Diese Initiative verändert nicht nur individuelle Bildungswege, sondern wirkt nachhaltig auf die Strukturen unserer Bildungslandschaft.
Innovative Projekte wie die „Karrierechancen“-Initiative zeigen seit 2015, wie Weiterbildung inklusiv gestaltet werden kann – auch für Menschen mit Lern- oder Mehrfachbeeinträchtigungen. Diese Projekte sind mehr als nur Leuchttürme; sie sind Blaupausen für eine Gesellschaft, in der Teilhabe kein Privileg, sondern Normalität ist.
Walter Schäfer, Fraktionsvorsitzender und Beauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderung:
„Zwischen dem ersten und zweiten Arbeitsmarkt braucht es mehr Durchlässigkeit – durch gezielte Anreize, die Übergänge ermöglichen. Es braucht aber auch Angebote, in denen Menschen mit Behinderung selbstbestimmt arbeiten können, ohne auf Sicherheit verzichten zu müssen. Inklusion gelingt nur, wenn Wahlfreiheit und Verlässlichkeit zusammen gedacht werden. Um dies zu ermöglichen, möchte ich mit der inklusiven Jobmesse einen Dialog zwischen allen Akteuren anstoßen.“
Die Herausforderung nachhaltiger Finanzierung
Bei all diesen Erfolgen stimmt uns eines nachdenklich: Die Finanzierung vieler Maßnahmen bleibt projektgebunden. In den vergangenen Jahren hat Access 16 größere Projekte umgesetzt – jedes mit einer begrenzten Laufzeit von zwei bis fünf Jahren. Dahinter steckt ein enormer administrativer Aufwand. Allein 2024 konnte die Organisation über 130.000 Eurodurch Fundraising, Honorartätigkeiten und Spenden einwerben – eine beachtliche Leistung, die jedoch zeigt, wie prekär die Finanzierung guter Arbeit sein kann.
Hier sind wir als Politik gefordert: Erfolgreiche Modelle wie das von Access müssen strukturell und dauerhaft abgesichert werden. Was heute als Ausnahme funktioniert, muss morgen zum Standard werden.
Unser Auftrag: Inklusion politisch gestalten
Der Besuch bei Access hat uns nicht nur inspiriert, sondern uns auch einen klaren politischen Auftrag mitgegeben. Das Positionspapier der BAG UB zeigt deutlich: Unser Arbeitsmarkt ist noch weit davon entfernt, wirklich inklusiv zu sein. Erst wenn Menschen mit Behinderung – unabhängig vom Grad ihrer Einschränkung – selbstverständlichen Zugang zu Arbeit und Qualifizierung haben, können wir von echter Teilhabe sprechen.
Wir werden unsere Eindrücke nutzen, um konkrete Anträge im Bezirk zu entwickeln. Access liefert uns dabei nicht nur fachliche Expertise, sondern auch die emotionale Überzeugungskraft, um beispielsweise die Erhöhung der Mittel für unterstützte Beschäftigung voranzutreiben.
Denn eines hat dieser Besuch deutlich gemacht: Inklusion ist kein Gnadenakt, sondern der Gradmesser einer gerechten Gesellschaft. Sie ist keine Sonderaufgabe, sondern unsere gemeinsame Verantwortung.
Weiterführende Materialien:
- Artikel in der SZ: Sebastian Wirth – Gelungene Inklusion
- Buch als PDF: Zukunft der Werkstätten → Zur Publikation der Lebenshilfe
- Positionspapier der BAG UB: Thesen für einen inklusiven Arbeitsmarkt (PDF)